future-Standpunkt

Warum wir eine europäische Ratingagentur mit Nachhaltigkeigsausrichtung brauchen

von Georg Schürmann, Geschäftsleiter der Triodos Bank in Deutschland

Obwohl sich die Welt immer schneller verändert, obwohl Ressourcen immer knapper und die sozialen, Klima- und Umweltbedingungen immer deutlicher eine Abkehr von der rein ökonomischen Bewertung finanztechnischen Handelns verlangen, schaut die Welt des Kapitals bei Ländern und Unternehmen auf die Ratings von Moody's, Standard & Poor's und Fitch.

Wir brauchen deshalb eine unabhängige Ratingagentur, die sowohl ökonomisch als auch sozial und ökologisch bewertet. Wir müssen in Europa ein kulturelles Gegengewicht zu dem herrschenden Oligopol der drei US-Ratingagenturen schaffen. Es gilt, ihrem erheblichen, zum Teil schädlichen Einfluss auf die Entwicklung von ganzen Volkswirtschaften entgegenzusteuern.

Die Notwendigkeit zum Handeln zeigt sich besonders deutlich in der aktuellen europäischen Staatenkrise. Hier werden die US-Ratingagenturen zum Beschleuniger der Krise, wodurch wichtige politische Reformbemühungen torpediert werden. Deswegen ist die Schaffung eines europäischen Gegengewichts wichtig.

Eine einfache europäische Kopie der amerikanischen Ratingagenturen reicht allerdings nicht aus. Stattdessen brauchen wir Ratingverfahren, die Nachhaltigkeitskriterien berücksichtigen. Die Bewertung von Unternehmen, aber auch Staaten darf sich nicht länger nur auf den wirtschaftlichen Erfolg beschränken, es müssen immer auch ökologische und soziale Aspekte berücksichtigt werden. Umwelt, Soziales und Wirtschaft müssen gleichberechtigt nebeneinander stehen.

Warum das wichtig ist, sollte jedem Investor klar sein: Jedes Unternehmen und jedes Land, das Mensch und Umwelt dem finanziellen Erfolg unterordnet, geht Risiken ein, die spätestens mittel- oder langfristig negative wirtschaftliche Konsequenzen haben werden.

Kommt hinzu, dass Interessenkonflikte bei Ratings keine Rolle spielen dürfen. Eine nachhaltige Ratingagentur muss finanziell unabhängig sein. Und am besten gewährleistet dies die Gemeinnützigkeit.

Transparenz ist ein weiterer wichtiger Aspekt. Wir brauchen Ratingagenturen, die transparent sind und damit demokratisch kontrolliert werden können. Bürgerinnen und Bürger, Politikerinnen und Politiker sowie Unternehmen müssen nachvollziehen können, warum eine Bewertung wie ausgefallen ist. Und das jederzeit. Der Einfluss der Ratingagenturen auf Wirtschaft und Gesellschaft verlangt Verantwortung - und Transparenz ist hierfür die Grundlage.

Die Triodos Bank unterstützt mit anderen nachhaltigen Finanzinstituten und vielen weiteren Organisationen die Kampagne der Deutschen Umweltstiftung für eine europäische Nachhaltigkeitsagentur. Eine solche Agentur kann durchaus real werden.

In einem ersten Schritt entwickelt die ENRA-Kampagne gemeinsam mit nachhaltigen Finanzexperten in einer Machbarkeitsstudie ein praktikables Konzept für eine solche nachhaltige Ratingagentur. Bürgerinnen und Bürger der EU werden zudem online die Erarbeitung der Studie live verfolgen und sich mit Fragen und Ideen einbringen können. Parallel dazu will die Deutsche Umweltstiftung auf die politisch Verantwortlichen zugehen und sie für die Umsetzung dieser Initiative gewinnen.

So sinnvoll und aussichtsreich eine solche Agentur auch ist: Ratingagenturen, selbst wenn sie die vorher genannten Aspekte erfüllen, können nie der einzige verbindliche Maßstab für Risiken sein. Sie sind kein Gütesiegel. Jeder Anleger muss sich seiner Verantwortung, sich selbst zu informieren und auch zu hinterfragen, bewusst sein.

Kommentare zu diesem Beitrag

Peter, 12-03-12 15:55:
Gute Initiative. Ich bin aber gespannt, in welchem Zeitraum die Beteiligten die Kriterien dafür zusammen stellen. Es gibt ja schon Nachhaltigkeitsratings, an denen sie sich orientieren können.
Dietfried, 30-01-14 10:26:
Die von Österreich ausgehende Bewegung "Gemeinwohl-Ökonomie" hat einen sehr ausgereiften Katalog von Nachhaltigkeitskriterien für die Wirtschaft aufgestellt, der die Gebiete ökologische Nachhaltigkeit, Demokratie, soziale Gerechtigkeit, Solidarität und Menschenwürde abdeckt. Jedes Unternehmen kann sich damit selbst bewerten.
Dieser Versuch, selbstbe-schränkende Regeln von der Basis der agierenden Firmen her aufzubauen ist aber ein ziemlich komplexer Vorgang, sodass sein Erfolg erst einmal abzuwarten ist. Dennoch könnten aus der Vorarbeit dieser Initiatoren wertvolle Maßstäbe für die Gestaltung einer Ratingagentur der Nachhaltigkeit gewonnen werden. Ich halte Bewertungs-maßstäbe, die von einer überge-ordneten aber demokratisch organisierten Institution festgelegt werden für weitaus effizienter, als eine Bemühung, von Produzenten und Konsumenten in Selbstver-antwortung ausgeht.